Donnerstag, 22. Oktober 2009 18:23

Ich wurde vor über hundertzwanzig Jahren in Belp bei Bern, in der schönen Schweiz geboren. Das war im Jahre 1888. Mein wahrer Vater war der Bäcker und Konditor Johann Schemidt, der mich liebvoll mit seinem selbstgemachten Kindermehl, einem angerührten Getreidetrunk, aufzog. Ich war schon immer ein wohlgenährtes und dralles Baby und alle hatten mich lieb. Meine Leibspeise wurde auch schnell bei Ärzten und jungen Müttern zu einem beliebten Nahrungsmittel für uns Kleinkinder. Mein Papa ging mit mir sogar mal ins Ausland und er bekam dort schöne Preise für mich geschenkt. Leider war mein Papi aber kein guter Geschäftsmann, so dass mein Lieblingsbrei anfangs nur in unserer Gegend gegessen wurde. Mein Hunger wurde immer grösser und als mein Papi kein Geld mehr hatte mich zu unterhalten, hat er mich in fremde Hände gegeben. Für mich war es so das Bste, das weiss ich inzwischen genau, aber ich vermisse meinen Papi sehr….
Im Mai 1901 wurden im Cafe Merz in Bern die Papiere unterschrieben, die meine Adoption perfekt machten. Ich gehörte fortan zu einer Familie die sich „Schweizerische Kindermehl Fabrik AG“ nannte. (komischer Name, gell…) Meine neue Familie war reich und so konnte viel Geld investiert werden um mich bekannt zu machen, mich, das Galactinababy von damals (schliesslich war ich ja inzwischen schon 13) und meine damalige Laibspeise, das Galactina-Kindermehl.
Mein neuer Papi hiess Emil Schüpbach und war ein stattlicher Eidgenosse und noch sehr jung und ideenreich. Er hatte die Idee, Szenen aus meiner Kindheit auf Plakate und Ansichtskarten drucken zu lassen. Und er hat sogar ein kleines Blechschild mit meinem Bild herstellen lassen. Dieses Schild war schon damals sehr sehr teuer und ich glaube es war nur ein Versuch um zu sehen wie es ausschaut. Es wurde nicht in Serie hergestellt und blieb somit ein Einzelstück, denn im anderen Falle würde man es heute, nach fast 110 Jahren, besser kennen.
Tina als Säugling mit Hebamme, ca. 1902
Tina outdoor, ca. 1905
Auf dem Blechschild, das aus gewölbtem Eisenblech gemacht war und mit mehreren Emaillieschichten überzogen wurde, hatte man ein Bild von mir gedruckt, wie ich als Baby auf dem Boden sitzend, aus meiner Lieblingstasse meinen geliebten Galactinabrei esse. Neben mir hatte ich eine Originalpackung stehen. Zwischen meinen Füssen wurde noch ein Hinweis angebracht, kaum lesbar, auf Herrn Nazzareno Monticelli aus Philadelphia (PA) der die Alleinvertretung für die USA und Südamerika hatte, denn ab ca. 1903 wurde unser Brei auch nach Übersee verkauft!
Emailleschild um 1903, gewölbt, Litho/Schablone/Stempel, 281 x 447 mm
Genau dieses Bild von mir, gab es aber auch auf Geschirr. Verrückt gell! Mein neuer Papi kannte nämlich einen Mann der in Langenthal eine Porzellanfabrik gründen wollte. Dem seine Frau war übrigens Hebamme. Eines Abends, bei einem schweizer Käsefondue und einigen Vierteln von unserem trockenen Weissen, hatten die beiden Männer eine Idee…. „warum sollte man das schöne dralle Tinchen nicht auch auf Tassen, Tellern, Kannen und Schüsseln verewigen?“ Frage war nur, wer will so ein Geschirr haben? Da schaltete sich die Frau ein… „Ich als Hebamme hätte so ein Geschirr sehr sehr gerne“ Aber teures Porzellan, zudem dekoriert mit bunten Bildern, konnte sich damals nicht jeder leisten, schon gar nicht eine arme Hebamme. „Na , dann schenken wir es ihr eben. Immer wenn ein Kind auf die Welt kommt , und die Mutter Galactina Kindemehl kauft, dann soll die Hebamme ein Teil von unserem „Galactina-Geschirr“ bekommen. Und wenn sie gut für uns Reklame macht, hat sie bald das ganze Service zusammen…“
Gesagt / Getan.

Das Geschirr ging ab 1906 in Serie und wurde an Hebammen in der ganzen Schweiz verschenkt. Heute gehört es bei Langenthal-Sammlern zu den heissesten Sammlerstücken überhaupt. Und zusammen mit den Reklamepostkarten, den Sammelbildchen und den Papierplakaten war Galactinas Kindermehl bald in der ganzen Schweiz bekannt. Nur noch Nestles Kindermehl hatte ähnlich viele Käufer, wahrscheinlich, weil Nestle die teuren Emaillieschilder herstellen lies und überall verteilte. Wir haben zwar auch Emaillieschilder herstellen lassen und verteilt, das waren aber nur welche mit Schrift, ohne mein Bild, die waren billiger….
Die Rechnung ging trotzdem auf: Galactina Kindermehl wurde bekannt und beliebt und konnte sich am Markt halten bis heute. Man hat dem Produkt einen modernen Namen verpasst und verkauft es mit dem Prädikat „garantiert frei von Genmanipulation“ unter den Namen Adapta in Supermärkten und Drogerien in der ganzen Welt. Und meine Familie heisst jetzt HERO…..
Das Blechschild von damals hing zunächst in meinem Kinderzimmer, als ich eine junge Frau war, heiratete ich nach Zürich. Ich kann mich leider nicht mehr erinnern (ihr wisst schon, die kleinen grauen Zellen, und so….) aber ich denke ich habe es mitgenommen und irgendwann einmal einem meiner vielen Urenkel gegeben. Der Siäch (schweizerdeutsch für „Schlitzohr“) hat es 1975 auf einem Flohmarkt in Zürich für 20 Franken verkauft. Der Flohmarkt war in der Nähe vom Hauptbahnhof, wo täglich tausende von Touristen und Geschäftsleuten unterwegs sind. Ein Redakteur und Fotograf der Zeitschrift “BUNTE” (Burda-Verlag), der damals in Offenburg lebte, hatte einen Geschäftstermin in Zürich und weil er zu früh ankam, lief er noch spontan über den Flohmarkt, seine Frau war auch dabei die den Tag zum Einkaufen nutzen wollte. Das dralle Tinchen stach ihm und seiner Frau ins Auge, sie verliebte scih sofort in das Scheisserchen und nahm es gleich mit, um es daheim in die ohnehin blau dekorierte, Küche zu hängen.
Der Fotograf war in Offenburg immer wieder mit den Produkten der Emaillefabriken Dold und Boss&Hahn konfrontiert worden und wurde dabei mit dem Sammelfieber für Emaillieschilder infiziert. Das Baby gefiel ihm auch sehr gut, und weil seine Frau es doch so liebte, hat er es bis nach Hamburg mitgenommen wo er heute noch lebt. Seiner erwachsenen Tochter zu liebe, die jetzt studiert, hat er das Schild nun verkauft um ihr das Geld ins Studium beizuschiessen. Nun will es das Schicksal, dass ausgerechnet der Käufer in der Schweiz lebt und das süsse dralle Tinchen kurzerhand in Hamburg abholte und zurück in die Heimat brachte.
„Ich bin sehr froh wieder in der Schweiz zu sein. Ich kann euch sagen, das war ein langes und erfülltes Leben. Dass ich keine Geschwisterchen habe, ist nicht so schlimm, denn meine Vettern und Basen aus den Familien „Nestle“ „Pomps“ „Stämpflin“ und wie sie alle heissen mögen, bilden mit mir gemeinsam eine grosse Familie. Dass es mich nur einmal gibt ist sehr wahrscheinlich, wenn dem aber nicht so ist und es taucht ein Zwilling auf, dann freut es mich umso mehr… dann sagt mir bitte unbedingt sofort Bescheid.“
Eure Tina…. G a l a c – T i n a
Gruss an alle, vom Michel, stolzer Papa eines properen Mädels…..
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